Auf eine AtemHolZeit mit Susanne Gebert

AtemHolZeit: Was macht man eigentlich, wenn man nichts zu tun hat?

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Ihr Kind klein war und Ihnen geglaubt hat, dass der Fernseher immer genau nach dem Sandmännchen kaputtgeht? Eine schöne Zeit mit unendlich langen Nachmittagen, an denen das Kind damit beschäftigt war, mit Förmchen und Schäufelchen den schönsten Sandkuchen zu backen (und wieder zu zertrümmern), Schnecken beim Vorwärtskriechen zu beobachten und den Wolken beim Vorbeiziehen. Und glücklich zu sein.

Ein schöner Traum, denn mit der Alltagsrealität der meisten Eltern hat das im Moment nichts zu tun: Spätestens seit Corona wissen Mütter und Väter sehr genau, was es bedeutet, wenn ihr Kind mit hängendem Kopf ins Arbeitszimmer schlurft und verkündet, dass es soooo langweilig ist.
Für die meisten Eltern der ultimative Trigger, um sofort alles stehen und liegen zu lassen und Kindergarten, Schule, Freunde, Freizeitpark und Fußballclub irgendwie zu ersetzen.

Ausgebremst

Das ist mühsam und außerdem unterm Strich nicht zu schaffen.
Denn Eltern haben im Moment nicht nur ihre unterbeschäftigten Kinder an der Backe, sondern jede Menge Sorgen: Kollektiv wegen Corona ausgebremst zu sein, heißt eben nicht nur Kontaktverbot, Zoom-Meetings am laufenden Band und Maskenpflicht im Supermarkt, sondern auch: sehr viel Ungewissheit.
Konzerne wie die Lufthansa taumeln, in der Weltwirtschaft knirscht es unüberhörbar, Regierungen regieren nur noch „auf Sicht“ und keiner weiß, wie es weitergehen wird – beruflich, privat und gesellschaftlich.

Und wann Kindergärten und Schulen ihren normalen Betrieb wieder aufnehmen.
Wenn Eltern dann irgendwann am Ende ihres Lateins und ihrer Kräfte angekommen sind (… da war noch was mit Homeoffice, oder?), sind sie oft so weichgekocht, dass sie – zwar zähneknirschend und entgegen jeglicher Prinzipien – dann doch die Extra-Daddelrunde am Handy oder noch eine Folge der Lieblingsserie im Fernsehen erlauben.

Lieb gemeint, sehr verständlich, aber trotzdem absolut kontraproduktiv.
Denn so lernen Kinder, dass immer was los sein muss, damit sie zufrieden sein können.
Die Kleinen machen es den Großen nach und befinden sich – schwuppdiwupp – im gleichen permanenten Beschäftigtsein-Modus wie wir Erwachsene.

Was machen wir eigentlich, wenn wir nichts zu tun haben?

Dabei sind gerade Kinder noch nicht so weit davon entfernt, für sich selbst kreativ sein zu können.
Sie sehen noch ziemlich schnell die Ritterburg und aufregende Abenteuer in einem Haufen aus Stöckchen und Blättern. Man muss sie nur mal lassen und nicht gleich mit dem nächsten Ablenkungs-Highlight um die Ecke kommen, nur weil es sooo langweilig ist.
Das geht nicht ohne Gejammer, sich langweilen und auch muffeln. Das muss erlaubt sein, denn genau wie beim Zucker-Junkie, dessen Tagesration an Süßigkeiten halbiert wird, macht Entzug eben erstmal unglücklich, bevor es besser werden kann.

Es ist die Talsohle, die wir durchwandern, bevor’s bergauf geht, oder das Ruckeln im Zug, wenn er anfährt.
Apropos Junkie: Das gilt übrigens auch für uns Erwachsene.

Steile These, finden Sie?
Ich setz‘ noch eins drauf: Dieses glückliche Sandburgen-bauende und Wolken-beobachtende Kind steckt noch in jedem von uns; es ist nur unter einer Tonne von To-Do-Listen und Must-Haves begraben. Aber es ist noch da.
In der Regel sind es nicht mehr die Sandkastenspiele, die uns glücklich machen, aber es gibt viele andere Tätigkeiten, die uns in den Flow bringen können – jenem wunderbaren Zustand, in dem wir nur auf uns und unser Tun konzentriert sind und alles um uns herum vergessen.

Malen, tanzen, Blumen pflanzen, lesen, schreiben, meditieren oder den Dachboden entrümpeln – spontan fällt uns meistens nicht mehr ein, was es ist, aber gerade diese Atemholzeit schenkt uns die Zeit, es (wieder) zu entdecken.

Atemholzeit: Wann die Chance nach der Krise kommt

Alles schön und gut, aber was sollen uns Flow und Konzentration auf uns selbst bringen, wenn die eigene wirtschaftliche Existenz vielleicht auf dem Spiel steht und die Zukunft ungewiss ist?
Sehr viel.
Denn Flow-Momente sind Momente tiefster Entspannung. Wir konzentrieren uns auf das, was wir können, und schöpfen dadurch Mut, Kraft und Selbstvertrauen.

Solange wir unter Strom stehen und wie Getriebene durch unser Leben hetzen, spulen wir nur unser Not-Programm ab, und das ist weder klug noch besonders kreativ.
Wenn wir dagegen in uns ruhen und entspannt sind, schaffen wir es viel besser, auch in verfahrenen Situationen einen klaren Kopf zu behalten und im schlimmsten Fall Plan B, C und D auf den Weg zu bringen.

Denn das Flow-Konzept, von einem ungarisch-amerikanischen Psychologie-Professor mit dem unaussprechlichen Namen Mihály Csíkszentmihályi erstmals beschrieben, ist ein wichtiger Bestandteil von Resilienz, also unserer inneren Stärke, die uns hilft, den Kopf auch dann noch über Wasser zu halten, wenn es hart auf hart kommt und wir das Gefühl haben, in einer riesigen Jauche-Grube zu waten. Mit steigendem Pegel, versteht sich.

Panik und wildes um-sich-Rudern oder Kopf-in-den Sand-stecken, hilft im Krisenfall eben nicht.
Sondern: Ruhe bewahren, nachdenken und sich in vielen kleinen Etappen selbst aus der Grube ziehen.

Die Zutaten dafür sind:

  • Akzeptanz: „Hätte, hätte Fahrradkette“ hilft nicht weiter. Es ist jetzt so, wie es ist; Sie stecken im Sch… lamassel. Tatsachen und Fakten nicht verleugnen – nur darauf kann man bauen.
  • Eigenverantwortung: Die Opferrolle verlassen, auch wenn man schlecht behandelt worden ist. Grenzen setzen, für sich selbst sorgen und sich im Klaren sein, dass man selbst das Zepter in den Händen behalten will.
  • Selbstwirksamkeit: Wir können oft viel mehr erreichen, als wir uns zutrauen.
    Negative Glaubenssätze hinter sich lassen und sich klar machen, was man in der Vergangenheit schon alles geschafft und bewältigt hat.
  • Optimismus: Sich realistisch die Möglichkeiten und Ziele vor Augen halten. Das ist tausend Mal besser, als der Vergangenheit hinterher zu trauern oder gleich die Flinte ins Korn zu werfen.
  • Netzwerk: Niemand muss alles alleine schaffen.
    Trauen Sie sich und suchen Sie sich Unterstützer – Sie werden überrascht sein, wie viele es sind!
  • Eigene Werte: Bauen Sie sich Ihr Leben ‚danach‘ auf dem Fundament Ihrer Werte. Das stärkt das Selbstvertrauen und ist ein wichtiger Wegweiser.
  • Veränderungsbereitschaft: Eine Krise verändert. Seien Sie bereit, dass Sie sich verändern und das Leben anders sein wird. Nämlich besser – und auf einem stabileren Fundament.

Im Moment weiß niemand, was in einem halben Jahr oder nächstes Jahr sein wird. Mit dieser Ungewissheit müssen wir leben. Womit wir nicht leben müssen, ist, uns das Zepter aus der Hand nehmen zu lassen und immer nur zu reagieren, statt selbst zu handeln.

Diese Chance zum Atemholen, die wir jetzt haben, ist einmalig.
Wer sich jetzt von trüben Aussichten und lautem Geschrei einnebeln lässt und lieber den Kopf in den Sand steckt (oder sich auf Teufel komm raus ablenkt), darf sich nicht wundern, wenn er später mal mit den Zähnen knirscht, weil er diese einzigartige Zeit nicht für sich genutzt hat.

Schicken Sie Ihre gelangweilten Kinder in den Sandkasten und nehmen Sie sich die Zeit für Ihre Atemholzeit – langfristig werden alle davon profitieren.
Vielleicht auch so, dass der alte Spruch: „Wir arbeiten in Jobs, die uns nicht erfüllen, um Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, weil wir Menschen beeindrucken wollen, die wir nicht mögen“, für Sie nach Corona irgendwann nicht mehr gilt.

Alles Gute und bleiben Sie gesund!

Mehr über Resilienz lesen: https://generationen-gespräch.de/die-energie-folgt-der-aufmerksamkeit/
Dr. Susanne Gebert ist Autorin und Ghostwriterin für Bücher und Biografien. In ihrem Blog ‚Generationengespräch‘ schreibt sie über das Leben – Psychologie, Geschichte, Kindheit und Erziehung – und gibt Tipps für’s Schreiben.

ein paar weitere fakten über mich

Torsten schröder

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Moderationscasting bei der Kathy-Weber Moderatorenschule, Berlin

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Moderatorenschule Baden-Württemberg, Karlsruhe

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Freisprecherin Margit Lieverz, Frankfurt am Main

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Abgeschlossene Weiterbildungen im Moderationsbereich

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Audiocation- Audio Academy Fernstudium zum Radio-Journalisten

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Fortbildungen zum Stimm- und Sprechtraining

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Abgeschlossene Weiterbildung mit Kameradreh

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Freisprecherin Margit Lieverz, Frankfurt am Main